Heu ist kein standardisiertes Futter
Zwei Ballen aus demselben Landkreis, geschnitten im selben Monat, können sich in ihren Gehalten um ein Vielfaches unterscheiden. Das ist keine Behauptung, sondern lässt sich an publizierten Analysewerten ablesen.
Beim Calcium reicht die dokumentierte Spanne für Heu von 1,6 bis 19,4 Gramm je Kilogramm Trockensubstanz — Faktor zwölf. Beim Phosphor liegt sie zwischen 0,6 und 4,9 g, beim Magnesium zwischen 0,6 und 5,6 g, beim Natrium zwischen 0,2 und 11,1 g.
Solange man mit Durchschnittswerten rechnet, rechnet man an irgendeinem Heu — nur vermutlich nicht an dem im eigenen Stall. Für die Energie- und Proteinversorgung eines gesunden Pferdes ist das verkraftbar. Für ein stoffwechselkrankes Pferd ist es das nicht.
Zucker und Fruktan sind nicht dasselbe
In der Heuanalyse tauchen zwei Größen auf, die regelmäßig verwechselt werden. Zucker meint die wasserlöslichen Kohlenhydrate im engeren Sinn. Fruktan ist ein Speicherkohlenhydrat der Gräser, das die Pflanze anlegt, wenn sie tagsüber mehr Zucker bildet, als sie nachts verbrauchen kann.
Wichtig für die Bewertung: Fruktan wird in der Analyse gesondert ausgewiesen und muss zum Zuckergehalt hinzugerechnet werden. Wer nur auf den Zuckerwert schaut, unterschätzt die Belastung systematisch.
Für Fruktan im Gras und in Grasprodukten gibt es einen Beurteilungsrahmen: bis 5 % der Trockensubstanz gilt der Gehalt als gering — keine Beschränkung erforderlich. Bis 10 % ist er erhöht, eine Beschränkung der Weidezeit ist sinnvoll. Darüber gilt der Gehalt als hoch, und eine Beschränkung ist empfehlenswert.
Wer bei einem stoffwechselkranken Pferd ohne Analyse arbeitet, arbeitet blind.
Wann Gräser besonders viel einlagern
Der Fruktangehalt eines Bestands ist keine feste Eigenschaft, sondern schwankt im Tages- und Jahresverlauf erheblich. Die Pflanze bildet Zucker bei Licht durch Photosynthese und verbraucht ihn für Wachstum. Alles, was das Wachstum bremst, während die Sonne weiter scheint, führt zur Einlagerung.
Kritisch sind deshalb: kalte, sonnige Tage im Frühjahr und Herbst — nachts friert es, das Wachstum steht, tagsüber produziert die Pflanze weiter. Ebenso Trockenstress und kurz abgefressene, gestresste Bestände. Der Gehalt ist am späten Nachmittag typischerweise höher als am frühen Morgen.
Daraus folgt eine praktische Regel für gefährdete Pferde: Wenn überhaupt geweidet wird, dann eher in den frühen Morgenstunden und nicht nach einer kalten, klaren Nacht. Und niemals auf einer kurz abgefressenen Koppel, weil dort das Verhältnis von zuckerreicher Blattbasis zu Stängel besonders ungünstig ist.
Die 10-Prozent-Grenze
Bei Pferden mit EMS, PPID, PSSM oder nach einer Hufrehe gilt in der Fachpraxis eine klare Zielgröße: Der Gehalt an Zucker plus Stärke — der sogenannte NSC-Wert — soll unter 10 % der Trockensubstanz der Gesamtration liegen.
Das ist eine Aussage über die gesamte Ration, nicht nur über das Heu. Ein Heu mit 8 % NSC und ein zuckerhaltiges Müsli daneben können die Grenze gemeinsam reißen, obwohl das Heu für sich genommen unauffällig aussieht.
Und diese Grenze lässt sich nicht am Ballen ablesen. Es gibt kein Aussehen, keinen Geruch und keine Schnittzeit, aus der sich der Zuckergehalt zuverlässig ableiten ließe. Wer bei einem stoffwechselkranken Pferd ohne Analyse arbeitet, arbeitet blind.
Wässern hilft — aber messbar wenig kalkulierbar
Heu zu wässern senkt den Gehalt an wasserlöslichen Kohlenhydraten, das ist unstrittig. Wie stark, hängt von Wassertemperatur, Einweichdauer, Wassermenge und der Struktur des Heus ab — die publizierten Ergebnisse streuen breit.
Für die Praxis heißt das: Wässern ist eine sinnvolle Maßnahme, aber kein Ersatz für ein geeignetes Heu. Man kann nicht ausrechnen, wie viel Zucker herausgegangen ist, und ein Heu mit hohem Ausgangsgehalt landet auch nach dem Wässern nicht zuverlässig im Zielbereich.
Zu bedenken ist außerdem: Beim Wässern gehen auch Mineralstoffe verloren, und gewässertes Heu verdirbt schnell. Es muss zeitnah verfüttert werden, besonders im Sommer.
Was eine Analyse kostet — und was sie erspart
Eine Heuanalyse kostet im Bereich einer einzelnen Tierarztvisite. Sie gilt für die gesamte Charge, also oft für ein halbes Jahr Fütterung, und für alle Pferde, die daraus fressen.
Wo mehrere Einsteller dieselbe Charge nutzen, lassen sich die Kosten teilen. In einem Stall mit zwanzig Pferden ist eine Analyse pro Charge der mit Abstand günstigste Weg, überhaupt zu wissen, womit man arbeitet.
Ohne Analyse bleibt jede Rationsberechnung eine Näherung auf Basis von Tabellenwerten. Wir weisen das in unseren Plänen offen aus: Werte, die auf Tabellen beruhen, sind als solche gekennzeichnet — und Werte, die gar nicht vorliegen, werden nicht auf null gesetzt, sondern als „nicht bilanzierbar“ ausgewiesen. Eine Null würde einen Mangel vortäuschen, den es vielleicht gar nicht gibt.
Quellen
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 287: Neuerungen zum Mineralstoff- und Vitaminbedarf in der Pferdefütterung
- Weißbach F.: Beurteilungsrahmen für Fruktan in Gras und Grasprodukten, 2006, zitiert nach LUFA NRW
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
