Nicht linear, sondern metabolisch
Der Erhaltungsbedarf eines Pferdes wächst nicht proportional zum Gewicht. Ein 600-kg-Pferd braucht nicht doppelt so viel wie ein 300-kg-Pony, sondern etwa das 1,7-fache.
Der Grund liegt in der Körperoberfläche: Wärmeabgabe und Grundumsatz skalieren nicht mit der Masse, sondern mit der metabolischen Körpermasse — dem Gewicht hoch 0,75. Die GfE rechnet deshalb konsequent mit dieser Größe, und dasselbe gilt für die Mineralstofftabellen.
Praktisch heißt das: Wer den Bedarf eines Ponys einfach hochrechnet, überfüttert das große Pferd. Und wer vom großen Pferd herunterrechnet, unterversorgt das Pony. Beides passiert regelmäßig.
Der Typ macht den Unterschied
Auf diese Grundgröße kommt ein Faktor, der vom Typ abhängt. Die veröffentlichten Werte lauten 0,40 MJ für Ponys, 0,52 für Warmblüter und 0,64 für englische Vollblüter — je Kilogramm metabolischer Masse und Tag. Für sonstige Rassen einschließlich Kaltblut wird eine Spanne von 0,40 bis 0,50 angegeben.
In absoluten Zahlen: Ein Warmblut mit 600 kg hat einen Erhaltungsbedarf von rund 63 MJ ME am Tag. Ein Vollblut mit 600 kg liegt bei 78 MJ — ein Viertel mehr bei identischem Gewicht. Ein Pony mit 300 kg kommt auf 29 MJ.
Das erklärt, warum zwei Pferde am selben Trog so verschieden aussehen können. Und es erklärt, warum eine pauschale Kraftfutterempfehlung für einen ganzen Stall zwangsläufig für die meisten Pferde falsch ist.
Temperament ist kein Charakterzug, den man ignorieren kann — es ist eine Rechengröße.
Arbeit, Wetter, Haltung
Auf den Erhaltungsbedarf kommen Zuschläge, und sie wirken multiplikativ, nicht additiv.
Arbeit. Leichte Arbeit bedeutet grob ein Viertel bis die Hälfte mehr; schwere Arbeit kann den Bedarf verdoppeln bis zweieinhalbfachen. Was „leicht“ und „schwer“ heißt, ist dabei unschärfer, als es klingt — entscheidend sind Dauer, Intensität und wie stark das Pferd schwitzt, nicht die Disziplin.
Haltung und Temperament. Hier liegt die publizierte Spanne bei plus zehn bis plus fünfzig Prozent. Ein lebhaftes Pferd in der Box liegt bei etwa +10 %, ein Pferd im Offenstall mit viel Eigenbewegung bei rund +20 %, ein ungeschorenes Pferd im Offenstall im Winter bei etwa +35 %. Die Obergrenze von +50 % gilt für sehr nervöse Pferde bei Kälte.
Bemerkenswert daran: Ein sehr nervöses Pferd im kalten Offenstall kann allein durch Haltung und Temperament einen halb so großen Aufschlag haben wie ein Pferd in mittlerer Arbeit. Temperament ist kein Charakterzug, den man ignorieren kann — es ist eine Rechengröße.
Protein rechnet man anders, als viele denken
Beim Protein ist die maßgebliche Größe seit der GfE 2014 nicht mehr das Rohprotein, sondern das präzäkal verdauliche Rohprotein (pcvXP), in der Praxis auch als dvRp bezeichnet. Damit wird berücksichtigt, welcher Anteil des Proteins tatsächlich im Dünndarm ankommt.
Für den Erhaltungsbedarf werden 3,0 g pcvXP je Kilogramm metabolischer Körpermasse und Tag angesetzt. Bei Arbeit wird der Bedarf an die Energiezufuhr gekoppelt und in Gramm je MJ der Gesamtration ausgedrückt.
An dieser Stelle sind wir in unseren Auswertungen ausdrücklich vorsichtig: Die ausgewerteten Quellen lesen sich unterschiedlich — eine nennt 5 g pcvXP je MJ bei Arbeit, eine andere bis zu 6 g. Wir weisen die Spanne aus, statt einen Wert zu wählen und ihn als gesichert darzustellen. Für die Praxis heißt das: Der Proteinbedarf arbeitender Pferde wird als Bereich bewertet, nicht als Punktwert.
Wie viel überhaupt hineinpasst
Eine Größe wird bei Rationsberechnungen gerne vergessen: die Aufnahmekapazität. Ein Pferd kann nur eine begrenzte Menge Trockensubstanz am Tag aufnehmen, und diese Grenze hängt von Größe und Typ ab.
Praktisch wird das in zwei Richtungen relevant. Bei einem sehr leichtfuttrigen Pony ist die Frage, wie man die Kalorien niedrig hält, ohne unter die Raufutter-Untergrenze zu geraten — der Spielraum ist eng. Bei einem schwerfuttrigen Pferd in harter Arbeit ist die Frage umgekehrt: Der Energiebedarf lässt sich über Raufutter allein nicht mehr decken, weil schlicht nicht genug hineinpasst.
Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Beratungsarbeit. Der Bedarf ist Rechnerei; die Frage, wie man ihn im verfügbaren Volumen unterbringt, ohne Grenzwerte zu reißen, ist es nicht.
Warum wir jede Zahl mit Herkunft ausweisen
Alle hier genannten Werte stammen aus veröffentlichten Tabellen, und unsere Berechnung greift auf dieselbe Datengrundlage zu, die auch diesen Seiten zugrunde liegt. Jeder Referenzwert trägt bei uns einen Status: geprüft, hergeleitet, widersprüchlich oder ungeprüft.
Ein ungeprüfter Wert wird nicht verwendet — er blockiert die Freigabe der Auswertung, bis er belegt ist. Ein widersprüchlicher Wert wird als Spanne ausgewiesen. Und wo gar kein Referenzwert existiert, steht „nicht bewertet“, nicht null.
Der Unterschied ist wichtiger, als er klingt: Eine Null in einer Nährstoffbilanz sieht aus wie ein Mangel und provoziert eine Ergänzung. Ein „nicht bewertet“ sagt die Wahrheit — dass wir es nicht wissen — und lässt die Entscheidung dort, wo sie hingehört.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 275: Neuerungen der Energie- und Proteinbewertung in der Pferdefütterung
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 287: Neuerungen zum Mineralstoff- und Vitaminbedarf in der Pferdefütterung
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
