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Kraftfutter: Warum die Portionsgröße wichtiger ist als die Menge

Der Pferdedarm hat eine harte Obergrenze für Stärke je Mahlzeit. Wer sie überschreitet, riskiert Kolik und Hufrehe.

8 Minuten Lesezeit · 6 Abschnitte · 4 Quellen

Ein Verdauungssystem für Gras, nicht für Getreide

Das Pferd ist ein Dickdarmverdauer. Der weit überwiegende Teil seiner Energie stammt aus dem mikrobiellen Aufschluss von Faser im Dickdarm — nicht aus der enzymatischen Verdauung im Dünndarm.

Stärke dagegen wird im Dünndarm aufgespalten, und dessen Kapazität ist begrenzt. Er ist beim Pferd vergleichsweise kurz, und die Passagezeit ist hoch. Was nicht rechtzeitig aufgespalten wird, verlässt ihn unverdaut.

Und dann beginnt das eigentliche Problem: Unverdaute Stärke gelangt in den Dickdarm und wird dort von Bakterien vergoren. Dabei entsteht Milchsäure, der pH-Wert fällt, faserabbauende Bakterien sterben ab und setzen beim Absterben Endotoxine frei. Die Folgekette heißt Dickdarmazidose, Kolik, Hufrehe.

Die beiden Grenzwerte, die man kennen muss

Aus dieser Physiologie leiten sich zwei Zahlen ab, die in der Fütterungsberatung als harte Grenzen gelten.

Je Mahlzeit: höchstens 1 Gramm Stärke je Kilogramm Lebendmasse. Für ein 600-kg-Pferd sind das 600 g Stärke in einer Portion.

Je Tag: höchstens 2 Gramm Stärke je Kilogramm Lebendmasse. Für dasselbe Pferd also 1.200 g am Tag, verteilt auf mindestens zwei Mahlzeiten.

Der wichtigere der beiden Werte ist der erste. Eine Tagesmenge, die unauffällig aussieht, kann in einer einzigen Gabe verabreicht schädlich sein — und dieselbe Menge auf drei Portionen verteilt unproblematisch. Die Portionsgröße entscheidet.

Die Portionsgröße entscheidet.

Was das für Hafer und Müsli bedeutet

Um von diesen Grenzen auf eine Futtermenge zu kommen, braucht es den Stärkegehalt des konkreten Futters. Und der steht bei Einzelfuttermitteln in Tabellen, bei Mischfuttern dagegen nicht immer auf der Packung.

Die gesetzlich vorgeschriebene Deklaration auf einem Mischfutter nennt Rohprotein, Rohfett, Rohfaser und Rohasche — Stärke und Zucker gehören nicht zwingend dazu. Viele Hersteller geben sie freiwillig an, aber eben nicht alle.

Praktisch heißt das: Bei einem Müsli ohne Stärkeangabe lässt sich die Mahlzeitengrenze nicht überprüfen. In einem solchen Fall fragen wir beim Hersteller nach der vollständigen Deklaration, statt einen Tabellenwert zu unterstellen. Ein „getreidefreies“ Müsli ist übrigens nicht automatisch stärkearm — auch Kartoffel- und Reisprodukte liefern Stärke.

Die Reihenfolge im Trog

Eine kleine Änderung mit messbarer Wirkung: erst Heu, dann Kraftfutter.

Heu vorweg füllt den Magen mit Struktur, verlangsamt die Passage der nachfolgenden Stärke und erhöht die Speichelmenge. Ein Pferd, das hungrig auf eine Kraftfutterportion trifft, schlingt — und schlingende Aufnahme bedeutet weniger Kauschläge, weniger Speichel und schnellere Passage.

Wer schnell fressende Pferde hat, kann die Portion zusätzlich entschleunigen: größere Trogfläche, ein flacher Trog statt eines tiefen Eimers, oder ein paar große, glatte Steine im Trog, um die das Pferd herumfressen muss.

Wann Kraftfutter überhaupt nötig ist

Der Grundsatz der GfE ist eindeutig: Zumindest der Erhaltungsbedarf an Energie soll allein über Grobfutter gedeckt werden. Kraftfutter ist damit ein Werkzeug für die Arbeitsleistung, nicht für die Grundversorgung.

In der Praxis heißt das: Ein Freizeitpferd in leichter Arbeit, das ein ordentliches Heu in ausreichender Menge bekommt, braucht energetisch häufig gar kein Kraftfutter. Was es meist braucht, ist ein Mineralfutter — denn die Mineralstoff- und Spurenelementversorgung ist über Heu allein selten vollständig.

Das ist ein wichtiger Unterschied, der oft verwischt: Ein Mineralfutter deckt Lücken bei Mengen- und Spurenelementen, liefert aber kaum Energie. Ein Müsli liefert Energie und oft nur einen Teil der Mineralstoffe. Wer beides verwechselt, füttert Energie gegen ein Mineralstoffproblem an — und wundert sich über die Kondition.

Das häufigste Muster, das wir in Rationen finden

Drei Dinge tauchen in Beratungen immer wieder auf.

Zu viele Produkte nebeneinander. Mineralfutter, Müsli, ein Gelenkpräparat, ein Magenprodukt, dazu Leckerlis. Jedes für sich plausibel, in der Summe unübersichtlich — und mit einem realen Risiko der Mehrfachversorgung, besonders bei Selen und den fettlöslichen Vitaminen.

Unterdosierte Mineralfutter. Die auf der Packung genannte Tagesmenge wird oft unterschritten, weil sie „viel“ aussieht. Ein halb dosiertes Mineralfutter deckt aber auch nur die halbe Lücke.

Kraftfutter als Belohnung statt als Rechengröße. Der Eimer wird gefüllt, nicht gewogen. Ein Liter Hafer wiegt je nach Sorte und Schüttdichte deutlich unterschiedlich — deshalb rechnen wir nur mit gewogenen Mengen.

Quellen

  1. Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
  2. Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
  3. Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 275: Neuerungen der Energie- und Proteinbewertung in der Pferdefütterung
  4. Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020

Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.