Warum die Waage allein nicht reicht
Ein Gewicht sagt für sich genommen wenig. 600 kg können bei einem großrahmigen Warmblut schlank und bei einem kräftigen Tinker deutlich zu viel sein. Deshalb arbeitet die Fachwelt mit dem Body Condition Score — einer Skala von 1 bis 9, die den Ernährungszustand unabhängig vom Rahmen beschreibt.
Entwickelt wurde sie 1983 von Henneke und Kollegen an der Texas A&M University. Bewertet werden sechs Stellen: Hals, Widerrist, hinter der Schulter, die Rippen, der Rücken entlang der Wirbelsäule und der Schweifansatz. Für jede Stelle wird getastet, nicht geschaut.
Der Zielbereich liegt bei 4 bis 6. Ab einem Wert von 7 ist eine Gewichtsreduktion angezeigt, bei 3 oder darunter ein gezielter Aufbau. Ein Sportpferd in harter Arbeit darf am unteren Rand des Zielbereichs stehen, ein Zuchtstute im letzten Trächtigkeitsdrittel eher am oberen.
Die neun Stufen in Kurzform
1 — hochgradig abgemagert. Knochenstrukturen treten hervor, keine tastbare Fettauflage. Ein tierärztlicher Notfall.
2 — sehr dünn. Rippen, Dornfortsätze und Hüfthöcker deutlich sichtbar.
3 — dünn. Rippen sichtbar, Schweifansatz hervortretend. Hier beginnt der Aufbaubedarf.
4 — mäßig dünn. Rippen schwach erkennbar, Hüfthöcker nicht mehr sichtbar. Untere Grenze des Zielbereichs.
5 — ideal. Rippen nicht sichtbar, aber ohne Druck gut fühlbar. Rücken eben, Schulter geht glatt in den Rumpf über.
6 — mäßig füllig. Rippen nur noch mit leichtem Druck fühlbar, beginnende Fettauflage am Schweifansatz.
7 — füllig. Rippen nur mit deutlichem Druck fühlbar, Fett am Mähnenkamm und hinter der Schulter. Ab hier wird reduziert.
8 — fett. Rippen nicht mehr fühlbar, deutliche Rinne entlang des Rückens, verhärteter Kamm.
9 — extrem fett. Fettpolster überall, ausgeprägte Rückenrinne, Fett auch über den Augenhöhlen und an der Innenschenkelseite.
Ein fester, kaum eindrückbarer Kamm ist kein Rassemerkmal, sondern ein Befund.
Die Rippenprobe — der Test für zu Hause
Für den Hausgebrauch genügt eine einzige Stelle, und die ist die verlässlichste: die Rippen. Streichen Sie mit flacher Hand hinter dem Ellenbogen über den Rumpf — nicht schauen, fühlen. Der Druck sollte dem entsprechen, mit dem Sie über Ihren eigenen Handrücken streichen.
Deutlich sichtbar heißt zu dünn. Nicht sichtbar, aber ohne Druck gut fühlbar ist ideal. Nur mit Druck fühlbar ist beginnendes Übergewicht. Gar nicht mehr fühlbar ist deutlich zu viel.
Der Grund für die Hand statt des Auges: Ein dichtes Winterfell verdeckt zwei Punkte auf der Skala mühelos. Im Frühjahr, wenn das Fell fällt, sind viele Besitzer überrascht — dabei hat sich am Pferd nichts geändert, nur an der Sichtbarkeit.
Ein zweiter Fehler ist der Blick von der Seite. Beurteilen Sie das Pferd auch von hinten und von oben: Ein Rücken, der von oben eine Rinne zeigt, gehört nicht zu einem schlanken Pferd — die Rinne entsteht durch Fettpolster links und rechts der Wirbelsäule.
Die Stellen, die zuerst verraten
Fett lagert sich beim Pferd in einer bestimmten Reihenfolge an. Zuerst am Mähnenkamm, dann hinter der Schulter, am Schweifansatz und schließlich über den Augenhöhlen. Ein fester, kaum eindrückbarer Kamm ist kein Rassemerkmal, sondern ein Befund.
Genau dieser Kamm ist auch das Leitsymptom des Equinen Metabolischen Syndroms — und EMS ist eine der häufigsten Ursachen für Hufrehe. Wer einen verhärteten Mähnenkamm tastet, sollte das nicht als Schönheitsfrage behandeln, sondern mit dem Tierarzt besprechen.
Umgekehrt gilt: Regionale Fettdepots können auch bei einem insgesamt normalgewichtigen Pferd auftreten. Ein Pferd mit BCS 5 und hartem Kamm ist ein Fall für die Abklärung, kein Fall für eine Diät.
Das Gewicht schätzen, wenn keine Waage da ist
Die wenigsten Ställe haben eine Pferdewaage. Für die Rationsberechnung braucht es aber eine Zahl, und geschätzte Gewichte liegen erfahrungsgemäß weit daneben.
Verlässlicher ist eine Maßbandformel. Carroll und Huntington haben 1988 eine veröffentlicht, die bis heute Standard ist: Brustumfang × Brustumfang × Körperlänge, geteilt durch 11.877 — Maße in Zentimetern, Ergebnis in Kilogramm.
Der Brustumfang wird direkt hinter dem Widerrist gemessen, das Band hinter dem Ellenbogen durchgeführt, in der Ausatemphase abgelesen. Die Körperlänge geht vom Buggelenk bis zum Sitzbeinhöcker.
Die Formel ist an Warmblütern entwickelt worden. Bei sehr schweren Kaltblütern und bei kleinen Ponys weicht sie stärker ab — sie ersetzt keine Waage, aber sie schlägt jede Schätzung.
Verlauf schlägt Momentaufnahme
Das Wirksamste, was Sie tun können, kostet zwei Minuten im Monat: Messen Sie mit einem einfachen Maßband den Halsumfang und den Umfang an der Sattellage, und notieren Sie beides mit Datum. Machen Sie dazu Fotos von beiden Seiten und von hinten, immer aus demselben Winkel und möglichst bei gleichem Licht.
Veränderungen sieht man im Vergleich sofort — im täglichen Umgang praktisch nie. Genau darum funktioniert die Verlaufskontrolle besser als jede Einzelbeurteilung, auch besser als eine von uns.
Wenn reduziert werden muss, gilt eine harte Obergrenze: höchstens 1 % der Lebendmasse pro Woche. Für ein 600-kg-Pferd sind das 6 kg im Monat — nicht mehr. Schneller ist nicht besser, sondern gefährlich.
Quellen
- Henneke D. R. et al.: A scoring system for comparing body condition in horses. Equine Veterinary Journal 15(4), 1983
- Carroll C. L., Huntington P. J.: Body condition scoring and weight estimation of horses. Equine Veterinary Journal 20(1), 1988
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
