Zuerst: Ist es wirklich Übergewicht?
Bevor reduziert wird, gehört der Befund abgesichert. Ein BCS ab 7 begründet eine Gewichtsreduktion. Ein regional verhärteter Mähnenkamm bei ansonsten normalem Zustand ist dagegen ein Fall für die tierärztliche Abklärung, nicht für eine Diät.
Ebenfalls abzuklären ist eine hormonelle Ursache. EMS und PPID gehen mit Fettdepots einher, die sich nicht allein über die Ration auflösen lassen. Bei diesen Diagnosen — ebenso bei PSSM, Hufrehe, Nieren- und Lebererkrankungen — erstellen wir keinen eigenständigen Diätplan, sondern setzen eine tierärztliche Vorgabe in eine Ration um.
Das ist keine Zurückhaltung aus Vorsicht, sondern eine Zuständigkeitsfrage: Die Diagnose stellt der Tierarzt. Die Ration rechnen wir.
Die harte Obergrenze
Wenn reduziert wird, gilt: höchstens 1 % der Lebendmasse pro Woche. Für ein 600-kg-Pferd sind das 6 kg in der Woche, also rund 24 kg im Monat.
Diese Grenze ist keine Bequemlichkeit. Eine stärkere Restriktion kann eine Hyperlipidämie auslösen — der Körper mobilisiert Fett schneller, als die Leber es verarbeiten kann. Bei Ponys, Kleinpferden und Eseln verläuft das häufig lebensbedrohlich.
Eine zweite Grenze läuft mit: Die Energiezufuhr wird nie unter den Erhaltungsbedarf des Zielgewichts gesenkt. Man rechnet also nicht den Bedarf des Wunschpferdes minus Sicherheitsabschlag, sondern den Erhaltungsbedarf, den das Pferd am Ziel haben wird — und der ist der Boden.
Wer sie unterschreitet, tauscht ein Fettproblem gegen ein Magenproblem.
Die Heumenge bleibt, was sie ist
Der reflexhafte erste Schritt — weniger Heu — ist der falsche. Das absolute Minimum von 1 kg Grobfutter je 100 kg Lebendmasse ist eine Gesundheitsgrenze und keine Verhandlungsmasse. Wer sie unterschreitet, tauscht ein Fettproblem gegen ein Magenproblem.
Reduziert wird stattdessen an drei anderen Stellen.
Die Energiedichte des Heus. Ein späterer Schnitt, rohfaserreicher und energieärmer, erlaubt bei gleicher Kilomenge weniger Energie. Das ist der wirksamste Hebel überhaupt und gleichzeitig der, der am seltensten genutzt wird — weil er beim Heueinkauf entschieden wird, nicht im Stall.
Das Kraftfutter. Ein Pferd, das abnehmen soll, braucht in aller Regel kein energielieferndes Kraftfutter. Was es weiterhin braucht, ist ein Mineralfutter — die Mineralstofflücke wird durch eine Diät nicht kleiner, sondern größer.
Der Weidegang. Frisches Gras liefert je nach Aufwuchs und Tageszeit erhebliche Zuckermengen. Eine Maulkorbweide oder eine eng begrenzte Weidezeit ist meist wirksamer als jede Trogänderung.
Zeit gewinnen statt Menge kürzen
Das Ziel ist, dieselbe Menge über mehr Stunden zu verteilen. Ein engmaschiges Heunetz kann die Fresszeit einer Ration deutlich verlängern, ohne dass ein Gramm weniger im Netz liegt.
Mehrere kleine Gaben statt zweier großer wirken in dieselbe Richtung. Und eine Beimischung von Futterstroh verlängert die Kauzeit bei geringer Energiedichte — Weizenstroh liegt bei rund 4,2 MJ ME je Kilogramm gegenüber 6,9 MJ bei gutem Heu.
Vorsicht ist bei Stroh dennoch geboten: Es muss von einwandfreier Futterqualität sein, langsam eingeführt werden, und bei Pferden mit schlechten Zähnen oder Kolikvorgeschichte ist es keine gute Idee. Sprechen Sie es ab, bevor Sie es einführen.
Bewegung wirkt anders, als viele denken
Bewegung erhöht den Energieverbrauch — aber der Effekt einer Stunde leichter Arbeit ist kleiner, als die meisten schätzen. Der wirksamere Beitrag von Bewegung liegt woanders: Sie verbessert die Insulinempfindlichkeit, und genau die ist bei EMS das eigentliche Problem.
Für ein stark übergewichtiges Pferd ist zudem die orthopädische Seite zu bedenken: Gelenke, Sehnen und Hufe tragen das Übergewicht bei jedem Schritt mit. Deshalb ist gerade hier ein Training sinnvoll, das entlastet und trotzdem fordert — im Wasser wird das Gewicht durch den Auftrieb reduziert, während der Wasserwiderstand die Muskulatur stärker arbeiten lässt.
Was ebenfalls zählt und nichts kostet: mehr Eigenbewegung durch Haltung. Ein Pferd im Offenstall oder auf einem Paddocktrail bewegt sich über den Tag deutlich mehr als eines in der Box — der Haltungszuschlag auf den Energiebedarf liegt dafür bei rund 20 %, im Winter bei ungeschorenen Pferden noch höher.
Wie man merkt, dass es wirkt
Wiegen Sie, wenn möglich. Wenn keine Waage erreichbar ist, messen Sie alle zwei Wochen Brustumfang, Halsumfang und Bauchumfang an derselben Stelle, notieren Sie die Werte mit Datum und fotografieren Sie aus demselben Winkel.
Rechnen Sie mit Monaten, nicht mit Wochen. 24 kg im Monat sind bei einem 600-kg-Pferd die Obergrenze — 60 kg Reduktion dauern damit mindestens ein Vierteljahr, eher länger.
Und beobachten Sie, was neben dem Gewicht passiert: Fresslust, Kotkonsistenz, Verhalten, Fell. Eine Diät, die das Pferd unruhig oder stereotyp werden lässt, ist zu scharf — unabhängig davon, was die Waage sagt.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 275: Neuerungen der Energie- und Proteinbewertung in der Pferdefütterung
- Henneke D. R. et al.: A scoring system for comparing body condition in horses. Equine Veterinary Journal 15(4), 1983
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
