Zwei Gruppen, zwei Größenordnungen
Mineralstoffe teilen sich in Mengenelemente, die in Gramm pro Tag gerechnet werden, und Spurenelemente in Milligramm. Zu den Mengenelementen zählen Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium, Kalium und Chlor; zu den Spurenelementen Eisen, Kupfer, Zink, Mangan, Selen, Jod und Kobalt.
Zur Größenordnung: Ein 600-kg-Pferd braucht im Erhaltungsbedarf am Tag rund 19,9 g Calcium, 13,7 g Phosphor, 6,5 g Magnesium, 3,3 g Natrium, 16,8 g Kalium und 1,8 g Chlor. Bei den Spurenelementen sind es 485 mg Eisen, 120 mg Kupfer, 485 mg Zink, 485 mg Mangan und 1,2 mg Selen.
Ein 300-kg-Pony braucht davon nicht die Hälfte, sondern rund 11,9 g Calcium, 8,2 g Phosphor und 0,7 mg Selen. Der Bedarf skaliert nicht linear mit dem Gewicht, sondern metabolisch — dazu mehr im Beitrag über den Energiebedarf.
Calcium und Phosphor: das Verhältnis zählt
Bei diesen beiden ist die absolute Menge nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist ihr Verhältnis zueinander: Es soll etwa 2 zu 1 betragen, mit einer praktikablen Spanne von 1,5 bis 2,5 zu 1.
Warum das so wichtig ist: Calcium und Phosphor konkurrieren im Darm um dieselben Aufnahmewege. Ein Überschuss an Phosphor blockiert die Calciumaufnahme. Sinkt das Verhältnis unter 1 zu 1, mobilisiert der Körper Calcium aus dem Knochen, um den Blutspiegel zu halten. Das gilt als kritisch.
Praktisch relevant wird das bei kleiehaltigen Rationen und bei hohen Getreideanteilen — Getreide ist phosphorreich und calciumarm. Heu wirkt in die andere Richtung: Es ist in der Regel calciumbetont. Deshalb kann dieselbe Kraftfuttermenge in zwei Ställen völlig unterschiedlich zu bewerten sein.
Eine erfundene Referenz macht jede darauf gestützte Empfehlung wertlos.
Selen: die kleinste Menge mit der engsten Spanne
Selen ist das Spurenelement mit dem geringsten absoluten Bedarf — 1,2 mg am Tag für ein 600-kg-Pferd — und zugleich das mit dem schmalsten Sicherheitsfenster zwischen Unterversorgung und Vergiftung.
Norddeutsche Böden gelten als selenarm, was sich in den Gehalten des dort gewachsenen Raufutters niederschlägt. Eine Unterversorgung ist hier keine Ausnahme, sondern die Regel — weshalb Selen fast immer über ein Mineralfutter ergänzt wird.
Genau deshalb ist Selen aber auch der Wert, bei dem die Summierung gefährlich wird: Wer ein Mineralfutter, ein Ergänzungsfutter und ein selenhaltiges Zusatzprodukt gleichzeitig gibt, kann die Empfehlung deutlich überschreiten, ohne es zu merken. Bei einem Verdacht auf Über- oder Unterversorgung gehört Selen ins Blutbild — geschätzt wird hier nicht.
Kupfer, Zink und Mangan: das Verhältnis wiederholt sich
Bei den Spurenelementen wiederholt sich das Muster von Calcium und Phosphor. Der Bedarf für Zink und Mangan liegt jeweils bei 485 mg für ein 600-kg-Pferd, für Kupfer bei 120 mg — also rund vier zu eins.
Auch hier konkurrieren die Elemente. Ein sehr hoher Zinkanteil beeinträchtigt die Kupferaufnahme; ein Eisenüberschuss wirkt in dieselbe Richtung. Und Eisen ist der Wert, der in der Praxis am häufigsten unbeabsichtigt hoch liegt — durch erdanhaftendes Raufutter und eisenreiches Tränkwasser.
Sichtbar wird ein Kupfermangel oft am Fell: ausgeblichene Deckfarbe, besonders bei Rappen und Braunen. Das ist ein Hinweis, kein Beweis — aber ein Anlass, die Ration durchzurechnen statt ein weiteres Produkt danebenzustellen.
Salz ist der am meisten unterschätzte Wert
Bei den Mineralstoffen ändert sich durch Arbeit erstaunlich wenig — Calcium, Phosphor und Magnesium bleiben nahezu konstant. Zwei Werte aber steigen dramatisch: Natrium und Chlor.
Ein 600-kg-Pferd braucht in Ruhe rund 3,3 g Natrium am Tag. Bei schwerer Arbeit sind es 58 g — das Siebzehnfache. Der Grund ist der Schweiß: Je Liter gehen etwa 3,1 g Natrium und 5,5 g Chlorid verloren, und ein Pferd bei mittlerer Leistung schwitzt gut neun Liter am Tag.
Deshalb gehört ein Salzleckstein zur freien Aufnahme in jeden Stall — und zwar ein reiner Salzleckstein, kein bunter Mineralleckstein. Bei Letzterem lässt sich weder die Salzaufnahme noch die Mineralstoffaufnahme steuern, weil man nicht weiß, wie viel das Pferd davon nimmt.
Ein Pferd, das im Sommer stark schwitzt, deckt seinen Bedarf über den Leckstein oft nicht vollständig. Dann wird Salz zugefüttert — berechnet, nicht nach Gefühl.
Vitamine: mehr ist hier ausdrücklich nicht besser
Für ein 600-kg-Pferd nennen die Merkblätter im Erhaltungsbedarf 18.000 IE Vitamin A, 3.600 IE Vitamin D, 610 bis 1.220 mg Vitamin E, 35 mg Vitamin B1 und 25 mg Vitamin B2. Bei Arbeit steigen Vitamin A auf 27.200 IE, Vitamin E auf 1.220 bis 2.420 mg und B1 auf 70 mg; Vitamin D und B2 bleiben unverändert.
Ausdrücklich gewarnt wird vor Überversorgung: Übermäßig hohe Vitamingaben sind zu vermeiden, und Pferde reagieren besonders empfindlich auf überhöhte Vitamin-D-Zufuhr. Ein zweites Präparat „zur Sicherheit“ ist deshalb kein neutraler Schritt.
Eine Änderung, die viele überrascht: Für Biotin spricht die GfE 2014 keine Bedarfsempfehlung mehr aus. Wir bewerten Biotin deshalb nicht. Das heißt nicht, dass eine Biotingabe sinnlos wäre — es heißt, dass es keinen Referenzwert gibt, gegen den man sie prüfen könnte, und wir behaupten dann lieber nichts.
Wo wir bewusst keine Zahl nennen
Zwei Werte behandeln wir anders als der Rest, und wir schreiben das in jeden Plan hinein.
Jod. Die ausgewerteten Quellen widersprechen sich: Eine nennt 0,015 mg je kg metabolischer Körpermasse, eine andere rund 0,020 mg. Bei einem 600-kg-Pferd sind das 1,8 gegenüber 2,4 mg am Tag — ein Drittel Unterschied. Bei Jod ist die Spanne zwischen Bedarf und Überversorgung eng, deshalb weisen wir beide Werte aus, statt uns für einen zu entscheiden.
Kobalt. In keiner der ausgewerteten amtlichen Quellen war ein Kobalt-Bedarfswert nach GfE 2014 auffindbar. Wir schätzen keinen. Kobalt erscheint in unseren Auswertungen als „nicht bewertet“.
Das ist unbequemer als eine glatte Zahl, aber es ist die ehrlichere Auskunft. Eine erfundene Referenz macht jede darauf gestützte Empfehlung wertlos.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 287: Neuerungen zum Mineralstoff- und Vitaminbedarf in der Pferdefütterung
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
