Der Magen hört nicht auf
Anders als beim Menschen produziert der Pferdemagen ununterbrochen Magensäure — unabhängig davon, ob gerade gefressen wird. Das ist sinnvoll für ein Tier, das in freier Wildbahn sechzehn Stunden am Tag kaut und dabei ständig kleine Mengen faserreiches Futter aufnimmt. In der Box, mit zwei großen Mahlzeiten und langen Pausen dazwischen, wird aus derselben Physiologie ein Problem.
Gepuffert wird die Säure durch Speichel. Speichel entsteht aber nur beim Kauen, und zwar in sehr unterschiedlicher Menge: Für ein Kilo Heu kaut ein Pferd rund vierzig Minuten, für ein Kilo Hafer etwa zehn. Raufutter erzeugt also ein Vielfaches an Speichel — bezogen auf dieselbe Menge Futter.
Daraus folgt ein Satz, der in der Praxis oft umgedreht wird: Nicht das Kraftfutter bestimmt, wie es dem Magen geht, sondern das Heu. Kraftfutter kann den Zustand verschlechtern; verbessern kann es ihn nicht.
Die Untergrenze ist eine Gesundheitsgrenze
Die GfE nennt 1 kg Grobfutter je 100 kg Lebendmasse als absolute Mindestmenge, zwingend erforderlich zum Erhalt der Magen-Darm-Gesundheit. Für ein 600-kg-Pferd sind das 6 kg Heu am Tag.
Das ist kein Richtwert, sondern ein Boden. Das praktische Optimum liegt deutlich höher — Merkblatt 275 nennt 1,5 kg je 100 kg Lebendmasse, Merkblatt 287 eine Spanne von 1,5 bis 2,0 kg. Für dasselbe 600-kg-Pferd sind das 9 bis 12 kg Heu am Tag.
Eine Feinheit, die in der Praxis regelmäßig zu Fehlrechnungen führt: Diese Angaben beziehen sich auf Frischmasse Heu, nicht auf Trockensubstanz. Heu hat rund 88 % Trockensubstanz, ein Kilo Heu entspricht also etwa 0,88 kg TS. Wer Heucobs, Heulage oder eingeweichtes Heu einrechnet, muss auf denselben Bezug umrechnen — Heulage hat nur rund 65 % TS, dieselbe Menge liefert also erheblich weniger Struktur.
Und noch ein Satz aus derselben Quelle, der oft überlesen wird: Zumindest der Erhaltungsbedarf an Energie soll allein über Grobfutter gedeckt werden. Kraftfutter ist für die Arbeitsleistung da, nicht für die Grundversorgung.
Kraftfutter kann den Zustand verschlechtern; verbessern kann es ihn nicht.
Was passiert, wenn zu wenig kommt
Die Folgen einer zu knappen Raufutterversorgung treten selten gleichzeitig auf, aber sie treten zuverlässig auf.
Magenschleimhautschäden. Die häufigste und am schlechtesten sichtbare Folge. Betroffene Pferde zeigen oft nur unspezifische Zeichen: mäkeliges Fressen, Empfindlichkeit beim Satteln, Leistungsabfall, wiederkehrende leichte Koliken. Die Diagnose stellt der Tierarzt per Gastroskopie — nicht der Berater.
Störungen der Dickdarmflora. Fehlt Struktur, verändert sich das Milieu im Dickdarm. Das begünstigt Koliken und, in der Verlängerung, Hufrehe.
Verhaltensauffälligkeiten. Weben, Koppen und Boxenlaufen entstehen nicht aus Langeweile allein. Ein wesentlicher Auslöser ist ein unbefriedigtes Kaubedürfnis. Einmal etabliert, bleiben solche Muster oft bestehen, auch wenn die Fütterung später korrigiert wird — was die Prävention wichtiger macht als die Therapie.
Auch beim Abnehmen
Die häufigste Fehlreaktion auf ein zu dickes Pferd ist, das Heu zu kürzen. Genau das darf nicht passieren. Fällt die Menge unter das Minimum von 1 kg je 100 kg Lebendmasse, drohen Magengeschwüre, Koliken und Stereotypien — und bei zu scharfer Restriktion eine Hyperlipidämie, die bei Ponys und Eseln lebensbedrohlich verlaufen kann.
Abgenommen wird deshalb über drei andere Hebel: über die Zusammensetzung des Heus, über die Verteilung der Ration über den Tag und über Bewegung. Nicht über Hunger.
Ein spätgeschnittenes, energieärmeres Heu erlaubt bei gleicher Menge eine niedrigere Energiezufuhr. Ein engmaschiges Heunetz streckt dieselbe Menge über deutlich mehr Stunden. Beides zusammen wirkt besser als jede Kürzung — und ohne den Preis, den eine Kürzung kostet.
Wie man Fresspausen praktisch verkürzt
Die entscheidende Größe ist nicht die Tagesmenge allein, sondern ihre Verteilung. Ein Pferd, das seine 10 kg in zwei Portionen bekommt, hat trotz korrekter Menge zwei sehr lange Pausen — meist nachts.
In der Praxis bewährt haben sich: mehrere kleinere Gaben statt zweier großer, ein engmaschiges Netz für die Nachtration, die letzte Gabe so spät wie organisatorisch möglich, und bei sehr knapp gefütterten Pferden eine Beimischung von Futterstroh, das die Kauzeit verlängert, ohne viel Energie zu liefern.
Als Faustregel gilt: Fresspausen über vier Stunden sollten die Ausnahme bleiben. Wer nachts um zehn füttert und morgens um sieben wieder, hat eine Lücke, in der Säure ungepuffert auf leere Schleimhaut trifft.
Was Sie heute tun können
Wiegen Sie einmal ab. Der Unterschied zwischen gefühlten und tatsächlichen Kilo ist fast immer erheblich, und zwar in beide Richtungen. Eine Kofferwaage und ein Netz genügen. Wiegen Sie dreimal — die Streuung zwischen zwei „gleichen“ Portionen überrascht die meisten mehr als der Mittelwert.
Notieren Sie die Uhrzeiten. Schreiben Sie einen Tag lang auf, wann gefüttert wird. Die längste Lücke ist Ihr Ansatzpunkt.
Sehen Sie sich das Heu an. Riecht es aromatisch, ist es staubfrei, hat es Blattanteil? Bröseliges, stark stängeliges Heu liefert weniger, als die Waage vermuten lässt. Was genau darin steckt, sagt allerdings nur eine Analyse.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 275: Neuerungen der Energie- und Proteinbewertung in der Pferdefütterung
- Verein Futtermitteltest e. V., Merkblatt 287: Neuerungen zum Mineralstoff- und Vitaminbedarf in der Pferdefütterung
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
