Alter allein ist keine Diagnose
Ein gesundes 22-jähriges Pferd mit intaktem Gebiss braucht keine Seniorfütterung. Der Erhaltungsbedarf richtet sich nach Gewicht und Typ, nicht nach dem Geburtsjahr — die Bedarfstabellen kennen keine Altersstufe.
Was sich mit dem Alter tatsächlich ändert, sind drei andere Dinge: die Fähigkeit zu kauen, die Fähigkeit aufzunehmen und zu verwerten, und die Wahrscheinlichkeit einer Grunderkrankung — allen voran PPID.
Deshalb beginnt die Fütterung alter Pferde nicht mit einem Seniorfutter, sondern mit einer Bestandsaufnahme: Zahnstatus, Ernährungszustand im Verlauf, und die Frage, ob eine tierärztliche Abklärung ansteht.
Die Zähne sind der eigentliche Engpass
Pferdezähne schieben lebenslang nach und werden dabei abgerieben. Irgendwann ist die Reserve aufgebraucht — die Zähne werden kurz, locker oder fallen aus. Ab diesem Punkt kann das Pferd Heu zwar noch aufnehmen, aber nicht mehr ausreichend zerkleinern.
Die Warnzeichen sind gut erkennbar, wenn man sie kennt: Wickel — ausgespuckte, zusammengerollte Heubällchen —, langes Kauen ohne Abschlucken, Futter, das aus dem Maul fällt, unverdaute lange Fasern im Kot, und ein Gewichtsverlust trotz unveränderter Ration.
Wer Wickel im Stall findet, hat die Antwort bereits. Der nächste Schritt ist die Zahnkontrolle, nicht die Futterumstellung.
Wer Wickel im Stall findet, hat die Antwort bereits.
Heu ersetzen, nicht streichen
Wenn Heu nicht mehr gekaut werden kann, bleibt die Anforderung trotzdem bestehen: Der Magen-Darm-Trakt braucht Faser, und das Kaubedürfnis bleibt. Die Untergrenze von 1 kg Grobfutter je 100 kg Lebendmasse gilt weiter — sie muss nur anders erfüllt werden.
Der übliche Weg sind eingeweichte Raufutterersatzprodukte: Heucobs, Luzernecobs oder Grascobs, in reichlich Wasser zu einem Brei eingeweicht. Sie liefern Faser in einer Form, die ohne Kauleistung aufgenommen werden kann.
Wichtig bei der Umrechnung: Diese Produkte werden in Trockenmasse gerechnet, nicht im eingeweichten Zustand. Ein Kilo trockene Cobs ergibt je nach Produkt vier bis fünf Kilo Brei — wer den Brei wiegt, unterschätzt die Ration dramatisch.
Ebenso wichtig: reichlich Wasser und zügiges Verfüttern. Zu knapp eingeweichte Cobs sind ein ernstzunehmendes Schlundverstopfungsrisiko, und eingeweichtes Futter verdirbt im Sommer schnell.
Mehr Mahlzeiten, weichere Struktur
Alte Pferde fressen langsamer. Dieselbe Tagesmenge braucht deshalb mehr Zeit — und in einer Herde mit jüngeren Pferden oft auch einen geschützten Platz, an dem in Ruhe gefressen werden kann.
Praktisch bewährt hat sich: mehr und kleinere Mahlzeiten, Raufutterersatz über den Tag verteilt statt in zwei großen Portionen, und die Beobachtung, ob das Pferd seine Ration tatsächlich aufnimmt oder nur davorsteht.
Der Wasserbedarf steigt bei eingeweichtem Futter nicht, aber die Wasserqualität wird wichtiger — und im Winter die Wassertemperatur. Zu kaltes Wasser wird schlechter aufgenommen, was in Verbindung mit trockener Ration ein Kolikrisiko bedeutet.
Wo der Tierarzt zuständig ist
Zwei Diagnosen sind bei alten Pferden häufig genug, um sie beim ersten Verdacht abzuklären.
PPID (früher Equines Cushing-Syndrom) geht mit verzögertem Fellwechsel, langem lockigem Fell, Muskelabbau über der Oberlinie, vermehrtem Trinken und einer erhöhten Hufrehe-Neigung einher. Die Diagnose stellt der Tierarzt über einen Bluttest.
Zahnerkrankungen jenseits des normalen Abriebs — lockere Zähne, Diastemata, Entzündungen — verursachen Schmerzen und erklären oft ein verändertes Fressverhalten, das man zunächst dem Alter zuschreibt.
Bei PPID, PSSM, Nieren- und Lebererkrankungen sowie nach Hufrehe erstellen wir keinen eigenständigen Diätplan, sondern setzen die tierärztliche Vorgabe in eine Ration um. Was wir beitragen können, ist die Rechnung: welche Mengen welcher Produkte die Vorgabe tatsächlich erfüllen — und welche Grenzwerte dabei eingehalten werden müssen.
Was am meisten hilft: früh hinsehen
Der Übergang vom „alten, aber gut zurechtkommenden Pferd“ zum Pferd mit echtem Fütterungsproblem verläuft schleichend. Er wird fast immer zu spät bemerkt, weil man das Pferd täglich sieht.
Die wirksamste Gegenmaßnahme kostet nichts: monatlich Brust- und Halsumfang messen, Fotos aus demselben Winkel, Notiz zum Fressverhalten. Drei Messpunkte über ein halbes Jahr zeigen einen Trend, den kein Blick über die Boxentür zeigt.
Und einmal im Jahr die Zähne kontrollieren lassen — bei Pferden über zwanzig eher halbjährlich. Das ist die günstigste Maßnahme mit dem größten Effekt auf die Fütterung eines alten Pferdes.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, 2014
- Landwirtschaftskammer NRW, LUFA Münster: Empfehlungen für die Pferdefütterung nach den Fütterungshinweisen der GfE 2014, Stand 2024
- Coenen M., Vervuert I.: Pferdefütterung, 6. Auflage, Thieme 2020
Diese Veröffentlichungen sind auch die Grundlage unserer Rationsberechnung. Wo sie keine Aussage treffen, weisen wir das aus — statt zu schätzen.
